Fern Liberty Kallenbach Campbell: All the Bells and Whistles
14. März – 18. April 2026
Photo by Ina Panknin
Ferns Wandteppiche sind laut. Nicht nur in ihren Motiven – entgleisende Gruppenszenen, opulente Esstische, überbordende Gesellschaften. Sie sind auch im übertragenen Sinne laut. Steht man vor ihren Arbeiten, scheint das Gehirn die Gespräche aufzudrehen, Musik beginnt in den Ohren zu wummern. Man ist nicht mehr nur BeobachterIn, sondern plötzlich selbst Teil der Szene – GästIn auf der Party oder vielleicht sogar SitznachbarIn.
Der Blick wandert rastlos durch das prächtige Farbenmeer und bleibt immer wieder an kleinen Details hängen: eine heruntergefallene Hühnerkeule, ein naschender Hund, eine glimmende Zigarette. Schwerer Rauch liegt in der Luft. Personen ziehen Grimassen, tragen schräge Partyhüte, knochige Finger mit schrillen Krallen greifen nach Gläsern, während sich der Rotwein selbstbewusst seinen Weg über den Tisch bahnt.
Im Zentrum dieser Szenen stehen zwischenmenschliche Beziehungen. Momente, die zwischen Ausgelassenheit und Eskalation balancieren und stets am humorvollen Abgrund entlangtanzen. Fern greift dabei auf persönliche Anekdoten zurück, die sich in ihren Bildwelten verdichten und unaufhaltsam auf einen Point of No Return zusteuern.
Die expressive Bildsprache steht im starken Kontrast zur aufwendigen und langsamen Herstellung der Teppiche. Unentwegt gleitet das Fadenschiffchen durch dichte Bündel von Garnen. Durch das Tuften von beiden Seiten entsteht eine vielschichtige Oberfläche, in der sich Motiv und Material gegenseitig durchdringen und eine besondere räumliche Tiefe entwickeln.
Gleichzeitig verzieht die Webtechnik die Motive leicht und unterstützt so das Erzählerische der Szenen. Wie ein flüchtiger Blick oder eine verschwommene Erinnerung taucht das Bild eines ausgelassenen Abends vor dem inneren Auge auf, nur um im nächsten Moment wieder weiterzuziehen.
Ferns Arbeiten sind Reibungsfläche und zeigen – auch in Reaktion auf eine zunehmend glattpolierte Social-Media-Welt – die komplexe und lebendige Wirklichkeit. Mit ihrer intensiven Farbigkeit, humorvoll überdrehten Figuren und einer spürbaren Lust am Exzess vermitteln sie eine ungezügelte Lebendigkeit und erinnern uns an die Flüchtigkeit des Moments.
[Text Laura Gerstmann, 2026]