Matthias Hamann

RAUSCHEN

11. July – 25. July 2009

Opening: 11th July, 5PM - 9PM

Kleiderskulptur Maria
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Rauschen. Exhibition view 2009

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Rauschen. Exhibition view 2009



Versehrte Diven, zwielichtiges Kindergesicht. Die Fotografien von Matthias Hamann zeigen den Moment, in dem die Illusion porös wird: idealtypische Inszenierungen von körperlicher Schönheit und sexueller Identität, von Männlichkeit, Weiblickeit oder irgendwas dazwischen. Überm leeren Ostseestrand weht fade eine Fahne und im Museum hängen Alte Meister erhaben in gedämpften Licht. Insignien von Macht und Repräsentationslust, in jeder Epoche, jeder Szene, jeder Phase ausgestellt und aufgeplustert um irgendwie ein Ideal, die ideale Oberfläche festzuschreiben. „Rauschen“ umzingelt dieses Phänomen, und nähert sich ihm von allen Seiten. Da, wo die Inszenierung stark und augenfällig ist, entstehen Bilder schriller oder stiller Körper, die den Kanon konventioneller heterosexueller Mittelstandsvorstellungen von Norm und Regel unterlaufen. Und die doch eine universelle Ästhetik reproduzieren: Schmale Knabenschultern, junge Gesichter, zärtliche Gesten. Daneben laute Posen, falsche Wimpern, Brüste, Fummel, Reigen jugendlichen Übermuts und Körperkults, der heute so allgegemwärtig von Zeitschriftencovern wie aus Subkulturspelunken strahlt. Dem stellt Hamann Bilder gegenüber, die indirekt von Projektion und Inszenierung zeugen: Ein Theatervorhang, der nur verbirgt, nicht zeigt, und wenn er zeigte, nicht Wahrheit zeigen wollte – sondern Spiel, Theater, Possentreiben. Der Mond am Himmel als ferner Stern der Träume, ein nächtlicher Strand.
Im Ausstellungsraum gruppieren sich die Arbeiten zu Tableaus von fragiler, manchmal widersprüchlicher Ästhetik. Schönheit und Versehrtheit treffen aufeinander, Blut auf Erdbeermilch und dunkler Wald auf Ganymed aus der Antikensammlung. So breit sich Hamanns Bildmotive und Bildsprachen aufzufächern scheinen, so sehr umreissen sie die eine, zentrale Fragestellung nach Repräsentationskultur, körperlichen Idealen und dem Scheitern der Suche danach in der Mitte der Gesellschaft. Schönheit ist kein Mehrheitsphänomen und kein Retortenwesen, auch wenn die Kanonisierung von Kunst-, Geschlechts- und Kleidernormen über die Jahrhunderte status quos zu installieren sucht. Die Diversität treibt Hamann auf die Spitze – neben den Fotografien im Ausstellungsraum erscheint eine Zeitung, eine Loseblattsammlung, die die Bilder der Ausstellung um etliche weitere ergänzt. Selbst ein flüchtiges Medium, läd die Zeitung dazu ein, sie zu zerpflücken, Bilder heraus zu lösen, Bögen frei zu stellen und neu zusammen zu legen. Adieu Erhabenheit für Ganymed, er bekommt Knicke, vielleicht frivole Nachbarschaft oder wird ganz einfach aussortiert. Sobald das Puzzelspiel der individualisierten Bildersuche anfängt, steht die Inszenierung im Ausstellungsraum sofort in Frage, dekonsturiert sich was gesetzt scheint, löst sich das frisch fixierte Setting wieder auf. Auch diese Inszenierung wird porös, die Illusion vom dauerhaften Kanon fällt zusammen, die Suche setzt sich fort.
- Arne Linde