Holmer Feldmann

"Aus dem Briefraum"

Insert: Bosse Sudenburg
16. January – 19. February 2010

Sa 16. Januar, 11 - 21h

Holmer Feldmann: Aus dem Briefraum. Detail August, Öl auf Leinwand, 2009
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Werkmeister Komplex. Ongoing Project.



Ob das Wetter gut ist und die Unterkunft sauber, wie sich die Landschaft gestaltet und ob die Einheimischen angenehm steht auf Postkarten, die man aus dem Urlaub schickt. Ob die Kameraden noch am Leben sind, die Schmerzen erträglich und wie sehr einem die Heimat fehlt steht in Feldpostbriefen. Psychatrische Protokolle aus dem 19. Jahrhundert geben Auskunft über Berufsstand und geistige Fähigkeiten des Patienten, über Wahnvorstellungen und die Prognosen für eine Heilung. Holmer Feldmann überträgt handschriftliche Dokumente in Öl auf Leinwand. Weiß grundiert, manchmal mit Stockflecken, Liniatur oder den vorgedruckten Elementen von Briefpapier oder Krankenhausakten. Die Orginale stammen von Flohmärkten, Haushaltsauflösungen oder aus Schuttcontainern und zumeist aus einer Zeit, in der handschriftliche Aufzeichnungen noch einen höheren Stellenwert besaßen, als sie es heute tun. Charakterliche Züge des Schreibenden lassen sich erahnen, zugleich auch das Verhältnis zum Adressaten - „Liebe Mutter" in Sonntagsschrift auf blütenweißem Bogen. Das Tagebuch eines erotomanen Herren ist in winziger, gestochener Schrift verfasst, die überlieferten Akten eines immer wieder eingelieferten Patienten einer Irrenanstalt zeugen von der nüchternen Sprache einer Verwaltungsapparatur.
Holmer Feldmann ist ein Archivar des Handschriftlichen. Auf den ersten Blick nüchtern und streng, beginnt sich die Arbeit radikal zu personalisieren, sobald man zu lesen beginnt. Hinter der schwarz-weißen Oberfläche des Zeichenhaften liegt die Privatsphäre der Autoren und mit ihr nicht bloß biographische Daten und Dispositionen, sondern Fragmente einer überindividuellen Geschichtsschreibung. "In Ten Years We Will Laugh About That" - Bosse Sudenburg fügt der Ausstellung einen Leuchtkasten bei, dessen aufgedruckter Text der Handarbeit Feldmanns vordergründig eine Antithese entgegenhält, die behauptet, dass Vergangenes vergangen und ergo in Zukunft nicht mehr relevant sei.
- Arne Linde