Edgar Leciejewski, Johannes Rochhausen

Zurück in die Atmosphäre

4. May – 8. June 2013

Opening:
May 04, 11 – 9pm
May 05, 11 – 6pm withing gallery tour of
www.SpinnereiGalleries.de


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Zurück in die Atmosphäre. Exhibition view 2013

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Zurück in die Atmosphäre. Exhibition view 2013

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Edgar Leciejewski and Johannes Rochhausen (co-production): Zurück in die Atmosphäre. Oil on c-print, 30 x 62 cm, 2013

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Edgar Leciejewski: Snout II. C-print, 111 x 232 cm, 2013

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Johannes Rochhausen: Atelier Edgar Leciejewski. Crayon, charcoal, ink on paper, 150 x 200 cm, 2012



Im Frühjahr des Jahres 1839 wandte sich der Pariser Astronom François- Dominique Arago an den in der selben Stadt tätigen Künstler Paul Delaroche mit einer eigenwilligen Bitte. Nur kurz zuvor waren Arago als einem der Ersten überhaupt eine vollkommen neue Art Bilder vorgelegt worden, die der Theater-unternehmer Louis Jacques Mandé Daguerre erfunden hatte. Und um besser einschätzen zu können, was an diesen Bildern überhaupt dran sei, wurde nun der Historienmaler Delaroche um ein kurzes Gutachten gebeten. Sein Urteil über diese allerersten Fotografien war ein überaus günstiges und schloss mit dem bemerkenswerten Satz: „Die bewundernswürdige Entdeckung des Herrn Daguerre erweist den bildenden Künsten einen gewaltigen Dienst.“
Schlägt man jedoch heute eine Geschichte der Fotografie auf, so wird man dort mit einiger Sicherheit einen ganz anderen Satz gedruckt finden. Demnach soll Delaroche bei erstem Anblick dieser Daguerreotypien gesagt haben: „Von heute an ist die Malerei tot.“ Dieser spontane Ausruf ist es, der Karriere gemacht hat – und von dem sich mit einiger Sicherheit sagen lässt, dass er einzig gut erfunden ist und Delaroche untergeschoben wurde. Denn all zu gut will ein solches im Augenblick gefälltes Urteil zu jenem Klischee der Kunstgeschichte passen, das sich mit der Erfindung der Fotografie verbindet: Wo die Fotografen auftreten, da hat sich die Sache der Maler und Zeichner erledigt.
Von einem Verdrängungswettbewerb konnte seither jedoch zu keiner Zeit die Rede sein – und heute weniger denn je, wie die beiden Leipziger Künstler Johannes Rochhausen und Edgar Leciejewski in ihren jüngsten Arbeiten demonstrieren. Unübersehbar beziehen sich diese Bilder auf ein gemeinsames Sujet. Ebenso deutlich wird aber auch, dass sich nicht ohne Weiteres zur Deckung bringen lässt, was hierbei, aus unterschiedlichen ästhetischen Richtungen kommend, entsteht. Es sind Szenen aus dem immer selben Atelier, die der Zeichner und der Fotograf umkreisen und zu einem Dialog aus lauter Bildern zusammenfügen. Mal sehen wir hierbei in großer Nahsicht den Ausschnitt aus einem Bücherbord, ein anderes Mal ist es eine ganze Zimmerecke – Regal, Arbeitstisch, an die Wand geheftete Bilder – die sich vor unseren Augen öffnet.
Dass die beiden Künstler neuerdings in einen solchen visuellen Dialog eingetreten sind, ist vollkommen konsequent. Denn während Johannes Rochhausen in seinen großformatigen Kohlezeichnungen die Möglichkeiten auslotet, menschenleere, gewissermaßen stumme Innenräume zum Sprechen zu bringen, übersetzt Edgar Leciejewski in verwandter Weise mit Hilfe der Fotografie die Struktur eines Atelierraumes in die Ordnung eines Bildes. Unabhängig voneinander lassen sich die Arbeiten der beiden Künstler als Erkundungen von Präsenz interpretieren. Und stets ist ein solcher Eindruck von Präsenz nicht allein eine Sache der Innenräume, er geht vielmehr auch von jenen Objekten aus, die sich in diesen Räumen, einem auf sie zugeschnittenen Gehäuse gleich, befinden.
Von Verdrängung der einen Bilder durch die anderen wird in diesem Dialog aus Zeichnungen und Fotografien gewiss nicht die Rede sein können. Ganz im Gegenteil: Der Dienst, von dem Delaroche in seinem Gutachten vor bald 175 Jahren sprach, wird im künstlerischen Zusammenspiel von Rochhausen und Leciejewski zu einer wechselseitigen Angelegenheit. Als Betrachter können wir uns aufgefordert fühlen, in der spezifischen Aneignung des gemeinsam geteilten Sujets einen je eigenen Blick und eine je eigene Handschrift zu suchen. Akteure wie Medien, das heißt Zeichner und Fotograf sowie Zeichnung und Fotografie, geben uns auf jeweils sehr unterschiedliche Weise diesen kleinen Ausschnitt der Welt zu sehen. Wo der Fotograf auftritt, da hat sich die Sache des Zeichners noch lange nicht erledigt – und umgekehrt. Und je länger man den Blick zwischen diesen beiden sich hier abzeichnenden Alternativen einer Bildästhetik wandern lässt, umso deutlicher wird schließlich werden, dass sie die beiden Seiten der selben Medaille ausmachen.
– Steffen Siegel, 2013

In the spring of 1839, the astronomer François-Dominique Arago approached the artist Paul Delaroche — both lived and worked in Paris — with a peculiar request. Arago had recently been among the first people who were permitted to see the completely new kind of pictures the theater entrepreneur Louis Jacques Mandé Daguerre had invented. To get a better sense of what, if anything, there was to these pictures, he now asked Delaroche, a history painter, to offer a brief assessment. Delaroche took a most positive of these very first photographs; he concluded with the remarkable opinion that “ the admirable discovery of Mr. Daguerre has rendered an immense service to the arts.”
By contrast, a reader opening a history of photography today can be fairly sure to find a very different sentence quoted. Delaroche is believed to have said, upon first laying eyes on the daguerreotypes, that “ from this day, painting is dead.” The spontaneous exclamation has had a big career — and, we can say with some certainty, is no more than a good invention that was falsely attributed to Delaroche. Because as the verdict of the moment, it fits only too well with art history’s clichéd notion of what the invention of photography meant: where the photographers appear on the scene, the painters’ and draftsmen’s business is done.
In the decades since, however, no one has ever observed a competition between the two disciplines in which one side’ s gain were the other’s loss — and as the two Leipzig-based artists Johannes Rochhausen and Edgar Leciejewski demonstrate in their most recent works, the idea of such a competition is more mistaken now than ever. Their works conspicuously refer to a shared theme. But no less obviously, what they produce, approaching their shared theme from different aesthetic directions, does not neatly align. The graphic artist and the photographer encircle scenes from the same unvarying studio they assemble in a dialogue of the pictures. Now we see a detail of a bookshelf in a strong close-up; in another picture, an entire corner of the room — a shelf, a desk, pictures pinned to the wall — opens before our eyes.
The two artists’ recent decision to launch this visual dialogue represents a natural extension of their earlier work. For quite some time, Johannes Rochhausen’s large-format charcoal drawings have sounded out possible ways of making deserted and, as it were, mute interior spaces speak; in a similar project, Edgar Leciejewski has recruited the means of photography to translate the structure of a studio space into the order of a picture. Independently of each other, both artists’ works may be interpreted as explorations of presence. And such an impression of presence is never just a matter of the interiors; its origins also lie with the objects that populate these rooms like shells custom-tailored for them.
In this dialogue of drawings and photographs, there can surely be no talk of the one side’ s ousting the other. On the contrary: in the interplay between Rochhausen’s and Leciejewski’s art, the service Delaroche mentioned in his assessment almost 175 years ago becomes a mutual affair. As the beholders, we may feel prompted to look for an individual perspective and the hallmarks of an individual style in the specific way each artist has made the shared theme his own. The agents as well as the media — the draftsman and the photographer as well as the drawing and the photograph — each reveal this small detail of the world to our eyes in very distinctive ways. Where the photographer appears on the scene, the draftsman’ s business is far from finished — and vice versa. And the longer we allow our gaze to wander between the two alternative pictorial aesthetics that emerge in these images, the more clearly we will recognize that the two are ultimately two sides of the same coin.
– Steffen Siegel, 2013