Jochen Plogsties



Ausstellungstext "Malerei", 1. Mai – 12. Juni 2010
In German language only

Plogsties war weg. Nach zwei Jahren zeigt er wieder eine Einzelausstellung in Leipzig, die eine neue Klarheit, einen neuen Umgang mit Raum behauptet. Architektonische Versatzstücke, das Spiel mit Fläche und Farbe und beinahe immer eine Ahnung von Landschaft bilden die Basis. Auf dieser Grundlage, die oft etwas bühnenhaftes ausstrahlt, platziert Plogsties Figuren oder Bausteine, die der abstrakten Fläche einen gegenständlichen Widerpart hinzufügen. Tiere, einzeln oder zu zweit, aber auch menschliche Figuren und Gebäude treten hervor und bilden einen erzählerischen Einstieg in seine Bilder. In Bezug auf die gestische, pastose Fläche aber wird deutlich, dass es hier nicht bloß um die narrative Dimension der Malerei geht. Oft überlagern sich etliche Schichten Ölfarbe, bis Plogsties die Materialität zu einem Punkt getrieben hat, an dem aus einer Oberfläche ein dreidimensionaler, fast skulpturaler Körper geworden ist. Dieser zunächst ungegenständlich angelegten Struktur entspricht das Arrangement figurativer Elemente in der Fläche. Obwohl es bisweilen eine angedeutete Horizontlinie gibt oder Lichtverhältnisse zu erkennen sind, die auf einen Innenraum schließen lassen, wirken sämtliche Figuren, als wären sie aus Raum und Zeit herausgenommen. Ihr Verhältnis zum und innerhalb der Bildraums begründet sich im Bildraum selbst, und nicht in ihrem Vorkommen oder Verhalten in der Realität, der sie entlehnt sind. So stellt sich heraus, dass die narrativen Elemente in Plogsties Malerei nicht Verweis auf eine zeitgenössische Wirklichkeit sind, sondern symbolische Figuren werden, die prototypisch Konstellationen und Szenerien widergeben, die zwar der Realität entsprungen sein können, ihre ikonografische Stärke aber erst entwickeln, wenn sie aus dieser heraus gelöst werden, und in den malerisch begründeten Zusammenhang der Bilder Plogsties´ überführt werden.
— Arne Linde

Ausstellungstext "Am Brunnen vor dem Tore", 28. April - 16. Juni 2007
In German language only

Elementares Farbrauschen
Jenseits ihrer zwingenden ästhetischen Präsenz, berichten die Bilder von Jochen Plogsties über den komplexen Rekonstruktionsprozess seiner gegenständlichen Auffassung von Malerei. Plogsties entdeckt diese Problemstellung wiederholt als frische inhaltliche Herausforderung sowie Möglichkeit ästhetischer Umwertung. Gelenkt von der Idee des Bildes als autonomes – und einmaliges – Phänomen, führt er diese Belange auf eine Ebene der Elementarkämpfe und bildtektonischen Mächten vorwärts (Bild) zurück (Natur) mit der Farbe als seinen, wie er meint „obersten Regenten“. Plogsties malt mehr oder weniger von menschlichen Figuren besiedelte Landschaften in gleißendem Licht, undurchdringbarer Finsternis, das Rauschen des Windes (trüber Windvorhang) und das Krachen der Brandung, über unmessbaren Ebenen aus Staub, Sand und zivilisatorischem Getrümmer. Plogsties’ Bilder wachsen wie lebende Organismen über längere Zeit – und sie ernähren sich von unterschiedlichen Bildquellen wie Postkarten, Fotos, Modezeitschriften, Kunstkatalogen und lapidarem Material aus Fernsehen und Werbung. Das Ergebnis seiner Streifzüge mit dem Schleppnetz durch die Sümpfe und Lawinen des visuellen Gedächtnisses der Menschheit sind metaphorische Verdichtungen genau jener Wanderungen. Dieser gedankliche sowie emotionale Prozess schlägt sich oft als Bildmotiv unmittelbar nieder: Die zuerst banal erscheinende Darstellung eines Schutthaufens entfaltet sich bei näherer Betrachtung zum Sinnbild zeitgenössischer Bildproduktion und deren gleichzeitiger Verwertung. Das Geschehen findet im trüben Schattenreich entlang des Abgrundes (oder des Flusses Styx?) statt, das bleierne Himmelsfeld stellenweise durchbrochen von luminösen Farbrissen in so etwas wie einem „International Klein Blue“ Ultramarinblau. In diesem zugleich humiden als auch spröden Klima verrichten Schimären ihr mysteriöses Treiben. Sie scheinen gekommen um den Müllhaufen zu deponieren, zu durchwühlen und ihn auf die andere Seite des Stromes zu transportieren. Im ganz vorderen Bildfeld (als wolle er sich zum Betrachter gesellen) beobachtet Picassos Harlequin – gläsern, obdachlos, der Welt soeben entrückt – nachdenklich diesen fantastischen Transfer. Das Bild wird durchschnitten von einer gakeligen Wimpelfahne, die außerhalb des Bildes – im Raum des Betrachters – verankert sein könnte, möglicherweise als Erinnerung an dessen durchaus labilen Standpunkt. Und als Verweis auf die gerade stattfindende Übersetzung der Welt zum eigentlichen Ort des Geschehens – jenem der neuen, immerwährenden Gegenwart des Bildes. In einem anderen Gemälde schimmert Dadamax Ernsts Heilige Jungfrau, das Jesuskind züchtigend – diesmal ohne Zeugen – vor einer Garage, einem Einkaufszentrum oder Bunker durch das fahle Licht. Wohnen wir hier dem Zauber kaum spürbarer Verrückungen bei? In flimmernden, „diesseitigen“ Halluzinationen liefert Jochen Plogsties eindringliche Bilder der Grenzen der Menschheit, sowie der Suche des Malers: eine schattenhafte Figur torkelt durstend durch die leblose Weite der endlosen Wüste, als hätte sie sich weit abseits des Spielfeldes der Welt tragisch verirrt. Mit den letzten Lebenskräften scheint sie das Ziel noch erreichen zu wollen – eine spiegelnde Mirage in der näheren Entfernung, womöglich von Ming Peis Glaspyramide vor dem Louvre. Das gesamte Geschehen droht jeden Augenblick vom zähflüssigen Ölfirmament gänzlich verschluckt zu werden, als halte das Bild die eigene Selbstwerdung greifbar als prekäres Motiv fest. Andere Leinwände Plogsties, durchaus heroisch in Ausmaß und Geste, zeugen selbstbewusst von der anfälligen Natur genau dieser Illusion. Ramponiert, zerfallen oder umgekippt bleiben Fassaden utopischer Bauten als bloße Kulissen ihres ursprünglichen Machtausdruckes papierdünn stehen – anfällig, porös, endlich. Die Arena antiker Schlachten wird neuerdings aufgesucht von Miniaturbataillonen catwalk-rünstiger Topmodells unter dem Kampfschrei einer Heidi Klum im globalen Ringen um das ultimative Medium und dessen schönsten VertreterInnen auf Erden. Als ironiebegabter Beobachter dieser zwangsläufig zum Durchdrehen und Überdruss vorprogrammierten Maschinerie des visuellen Outputs sucht Plogsties die Integrität des Malaktes auf, um so immer wieder neu inhaltliche und ästhetische Fragen zu stellen, nicht moralische Antworten zu geben. Plogsties Werke laden sich auf im Wechselspiel zwischen dem intuitiven Experiment mit den elementaren Eigenschaften der Farbe und der Projektion kalkuliert ambivalenten Motive und Zitate aus der Menschheitsgeschichte.
— Oliver Kossack