Holmer Feldmann
Ausstellungstext "Aus dem Briefraum", 16. Januar – 19. Februar 2010
In German language only
Ob das Wetter gut ist und die Unterkunft sauber, wie sich die Landschaft gestaltet und ob die Einheimischen angenehm steht auf Postkarten, die man aus dem Urlaub schickt. Ob die Kameraden noch am Leben sind, die Schmerzen erträglich und wie sehr einem die Heimat fehlt steht in Feldpostbriefen. Psychatrische Protokolle aus dem 19. Jahrhundert geben Auskunft über Berufsstand und geistige Fähigkeiten des Patienten, über Wahnvorstellungen und die Prognosen für eine Heilung. Holmer Feldmann überträgt handschriftliche Dokumente in Öl auf Leinwand. Weiß grundiert, manchmal mit Stockflecken, Liniatur oder den vorgedruckten Elementen von Briefpapier oder Krankenhausakten. Die Orginale stammen von Flohmärkten, Haushaltsauflösungen oder aus Schuttcontainern und zumeist aus einer Zeit, in der handschriftliche Aufzeichnungen noch einen höheren Stellenwert besaßen, als sie es heute tun. Charakterliche Züge des Schreibenden lassen sich erahnen, zugleich auch das Verhältnis zum Adressaten - „Liebe Mutter" in Sonntagsschrift auf blütenweißem Bogen. Das Tagebuch eines erotomanen Herren ist in winziger, gestochener Schrift verfasst, die überlieferten Akten eines immer wieder eingelieferten Patienten einer Irrenanstalt zeugen von der nüchternen Sprache einer Verwaltungsapparatur. Holmer Feldmann ist ein Archivar des Handschriftlichen. Auf den ersten Blick nüchtern und streng, beginnt sich die Arbeit radikal zu personalisieren, sobald man zu lesen beginnt. Hinter der schwarz-weißen Oberfläche des Zeichenhaften liegt die Privatsphäre der Autoren und mit ihr nicht bloß biographische Daten und Dispositionen, sondern Fragmente einer überindividuellen Geschichtsschreibung. "In Ten Years We Will Laugh About That" - Bosse Sudenburg fügt der Ausstellung einen Leuchtkasten bei, dessen aufgedruckter Text der Handarbeit Feldmanns vordergründig eine Antithese entgegenhält, die behauptet, dass Vergangenes vergangen und ergo in Zukunft nicht mehr relevant sei.
— Arne Linde
"Aus der unendlichen Tiefe des Briefraums", in: FAZ, Aktuelle Kunst, 24.01.2010.
(Quote from newspaper article, in German language only)
"... Januar 2010 Karl Stegmeyer lebte als Familienvater in Minden, bis er 1939 in den Krieg zog. Dort blieb er mindestens drei Jahre und erwies sich als schreibfreudig: „Ihr Lieben Alle“ beginnen die meisten seiner Briefe und Karten. Der Künstler Holmer Feldmann hat sie bei Haushaltsauflösungen oder auf dem Flohmarkt gefunden und erworben - wie so viele andere handschriftliche Aufzeichnungen, die Feldmann seit zehn Jahren obsessiv sammelt. Aus Stegmeyers Feder besitzt er sechzehn Schreiben, beginnend mit einem Brief aus dem Herbst 1939 und endend mit einer Karte vom 2. April 1942, die als Absendeort nur „Rußland“ vermerkt. Darauf steht lapidar: „Ihr Lieben Alle, viele herzl. Grüße sendet in alter Frische, Karl“. Das ist das späteste Zeugnis Karl Stegmeyers im Feldmann-Fundus. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es auch sein letztes Lebenszeichen.
Feldmanns Schriftstücke hängen jetzt mit Dutzenden anderen an den Wänden der Galerie ASPN in der Leipziger Baumwollspinnerei: als akribisch auf Leinwand gemalte größere Abbilder, melancholische Blicke der Kunst aufs 20. Jahrhundert. Sie sind der Höhepunkt des kleinen Winterrundgangs, mit dem die Galeristen das Jahr 2010 begrüßen. Alles hat der Künstler exakt nachempfunden: die Papierfarbe bis hin zu den kleinsten Altersverfärbungen, die Handschriften selbst und natürlich auch alle Marotten der jeweils verwendeten Sprache, die bei dem Soldaten Karl Stegmeyer eine andere ist als beim Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister; er ist der Verfasser des größten Briefkonvoluts in Feldmanns Ausstellung.Im Jahr 1958 ging Werckmeister aus Deutschland nach London ans Warburg- Institut, und er erstattete seiner Mutter auf gelben Karteikarten vier Jahre lang regelmäßig Bericht über seine Erlebnisse. Für jedes Blatt dieses „Werckmeister-Komplexes“ hat Feldmann eine kleine Leinwand bemalt, und nun hängt die Korrespondenz dort, in gestochen feiner Schrift zum wandfüllenden Arrangement verdichtet.
„Aus dem Briefraum“ heißt die Ausstellung dazu, und natürlich denkt man sofort an die winzigen Notate Robert Walsers, die er in der Nervenheilanstalt schrieb und die erst lang nach dem Tod des Schriftstellers unter dem Titel „Aus dem Bleistiftgebiet“ veröffentlicht wurden. Auch das war eine Flaschenpost aus dem Untergang; und dieses Thema beeindruckt auch den 1967 geborenen Feldmann, der heute in Rom und dem altenburgischen Dorf Buscha lebt. In den neunziger Jahren bildete er mit drei Freunden die Leipziger Künstlergruppe „Ramon Haze“, die Fundobjekte aus Abrisshäusern der Stadt zur Grundlage ihrer Arbeiten machte. Diesem Konzept ist Feldmann treu geblieben, doch in der Übernahme fremder Handschriften als eigener künstlerischer Position geht er nun noch einmal entscheidend weiter.... "
– Andreas Platthaus
Ausstellungstext "DO LITTLE", 22. Juni – 21. Juli 2007
In German language only
(Chat, Ingo Gerken, Holmer Feldmann, Stefan Fischer, Tina Schulz, Arthur Zalewski)
Eine Verweigerung des (authentischen) Schaffens und eine Verlangsamung des Tuns ziehen sich durch den Raum. Die Arbeiten selbst oder die Haltungen, auf die sie anspielen, zeigen sich gelassen, unbeflissen, präzise oder einfach nur minimalistisch. Holmer Feldmann lässt seinen Pinsel von anderen, ganz unbekannten Autoren führen. Eine Art des Nacherzählens und Nachvollziehens, die sich Zeit lässt, und gleichzeitig ein Akt des Bewahrens. Ein anonym bleibender Künstler macht in Tina Schulz' Diaarbeit irritierend banale Äußerungen zum eigenen Arbeitsprozess. Stefan Fischer zeigt die Aktualisierung einer alten Fotografie, ein ›Remake‹ oder Selbstzitat, das die Schaffensgeste verweigert. Die Performancekünstlerin Chat überlässt die Performance ihrem ›Publikum‹ und taucht hier nur in zweiter Instanz auf. Arthur Zalewski bedient sich im Barock und abstrahiert ihn mit der Lust an Farbe und Stimmung im kleinen Format. Ingo Gerken markiert mit den einfachsten Mitteln den Ausstellungsort und sorgt dabei für Stillstand. Die Pantolette, in die jeder schlüpfen könnte, verharrt an einer Stelle am Boden fixiert – Fortschritt unmöglich und Entkommen auch.
»Do Little« – versteht sich das als ein erfrischender Aufruf dazu, so viel wie nötig, aber so wenig als möglich zu tun und dabei alles richtig zu machen? »That there is far too much work done in the world«, war Bertrand Russells Ansicht. Er schrieb, dass der Glaube an die Tugend der Arbeit irrig sei und nur Schaden anrichte, die Beschränkung auf das notwendige Maß an Arbeit aber – bei gerechter Verteilung aller Arbeit – jedem genügend Muße ließe. Und die sei unerlässlich, ja Voraussetzung für jede Form von Kulturproduktion. In all den Momenten des Innehaltens, des Wartens und Luftholens, die in den versammelten Arbeiten sichtbar und spürbar sind, stecken auch Gelassenheit und Vertrauen in die Dynamik des Arbeits-prozesses. Was auch immer die Absicht von Bruce Naumans ursprünglichen Äußerungen war, die Tina Schulz in Artist's Statement zitiert, die Diaarbeit ruft in der Art, wie sie die Aussagen heraus-schält, völlig freistellt und tonlos im Raum projiziert, Fragen zur tagtäglichen Motivation und Fähigkeit künstlerischen Arbeitens und damit auch zu den Voraussetzungen von Produktionsästhetik auf. »Ich mache einfach was aus dem, was so herumliegt« – was so unglaubwürdig und entmystifizierend klingt, ist zugleich das Statement mit dem größten Wahrheitsgehalt.
Wenn Chat die Handlungsanweisungen für die Akteure in ihrer interaktiven Performance Verabredung – in der dann auch nur minimal agiert wird – auf das Nötigste beschränkt, geschieht das zugunsten dessen, was aus den Leerstellen entstehen kann. Arthur Zalewski spielt eben dies als kuratorisches Prinzip durch: do little – so wenig Regieanweisung wie möglich. Und herausgekommen ist eine leise Ausstellung, die auf dramatische Inszenierungen ebenso verzichtet wie auf die Kultivierung und Zurschaustellung allzu großer Gesten der Arbeit.
— Tanja Milewsky
