Anna Reinert
Watchlist: Anna Reinert. In: Monopol – Magazin für Kunst und Leben, 29.06.2009.
(Quote from magazine article, in German language only)
"... Nachdem die ersten Wolkenkratzer gebaut wurden, machte sich der Mensch lange Gedanken darüber, welche Auswirkungen die monumentale Architektur auf seine Psyche hat.
Fritz Lang stellte sich die Metropolis als Moloch und das darin lebende Individuum als haltlose Maschine vor. Edward Hopper nahm das Urbane als Ort tristen Glamours ins Visier.
Heute gehört hypermoderne Monumentalarchitektur zum Stadtbild jeder Großstadt, und wie wir darin leben, ist keine Frage, die uns noch groß bewegt. Doch die 30-jährige Polin Anna Reinert, die 2004 die Kunsthochschule Danzig abschloss, schafft es mit nüchterner Eindringlichkeit, eine Ahnung dieser Faszination wiederaufleben zu lassen. Ihre Gemälde von Billboards, Glas- fassaden, Hochhäusern und Brücken nehmen den Betrachter durch ein mulmiges Gefühl melancholischer Einsamkeit in Beschlag.
Erst beim genaueren Hinschauen stellt man fest, dass es sich bei ihren Bildern um Fantasielandschaften handelt. Man erkennt Details des Pariser Flughafens Charles de Gaulle oder die Metallstreben der Manhattan Bridge. Aber immer ist die Perspektive ein bisschen verschoben, Elemente sind falsch kombiniert, und was aus zwei Meter Entfernung fotorealistisch anmutet, geht von Nahem in abstrakte Farbflächen über.
Menschen in Fußgängerzonen haben keine Gesichter, sondern tragen weiße Leerstellen auf den Schultern. Golfplätze sehen so aus, als würden sie in einem Meer aus Schatten untergehen. Reinerts architektonische Landschaften sind Erinnerungsstrukturen im wörtlichen Sinn. Sie malt sie aus ihrem Gedächtnis. Das Individuum, so scheint sie vorzuschlagen, hat sich schon aufgelöst in der Glasmetropolis..."
— Daniel Schreiber
"Made in Poland" In: Art Magazin, Ausgabe 01/2009, S. 18-29.(Auszug)
English version below (excerpt)
Anna Reinert spielt gern mit den Betrachtern ihrer Bilder. „Wo ist Katarzyna?“ heißt ihre aktuelle Aussstellung in Warschau. Die Besucher sollen eine ominöse Heldin entdecken. Doch unter den zahllosen gleichartigen Figuren auf Eis- und Schneefeldern, die Reinerts jüngste Gemälde bevölkern, bleibt Katarzyna unsichtbar. Das ist Absicht, denn die Malerin, 29, aus Danzig benutzt Menschen als konstruktive Ornamente und nicht als Individuen. Vor drei Jahren noch erinnerten ihre Werke an jene der jungen Leipziger Malerei, speziell an Tim Eitel. Das ist sicher auch ein Grund, warum Anna Reinert außerhalb Polens von der Leipziger Galerie ASPN vertreten wird. Mittlerweile hat sie sich jedoch längst von solchen Verwandtschaften befreit. Angesichts ihrer großzügigen, kühlen Architekturen fühlt man sich eher in die endlosen Weiten Kaliforniens versetzt als in mitteleuropäische Industriegebiete. Reinerts Hang zur gebauten Moderne zeigt sich auch in ihren exakt konstruierten Wandgemälden.
— Susanne Altmann
Anna Reinert likes to play with the spectators of her paintings. „Where is Katarzyna?“ is the title of her current exhibition in Warsaw. The visitor is supposed to discover an ominous heroine. But among the numerous similar figures on Ice- and Snowfields, which occupy Reinerts paintings, Katarzyna remains invisible. That happens on purpose, as the painter/paintress, aged 29 from Danzig, uses persons as constructive ornaments and not as individuums/als. Three years ago her works resembled those of young leipzig painting, especially those of Tim Eitel. That is certainly a reason for Anna Reinert being represented, outside of Poland, by Leipzig Galery ASPN. Meanwhile she has freed herself from such relatives/relations. Considering her broad, cool ‚architectures’, one is rather reminded of the endless vast californian landscapes than of central european industrial areas. Reinerts preference of built modernity gets expressed in her exactly constructed murals.
Ausstellungstext "Sunday, Monday", 10. November - 15. Dezember 2007
Exhibition text "Sunday, Monday" 10. November - 15. December 2007
English version below
Die Arbeiten der Danziger Malerin Anna Reinert strahlen oft eine unwirkliche Kühle aus. Ob menschenleere Straßenfluchten postsozialistischer Großstädte oder beinahe verklärt idyllische Parklandschaften - keine der utopisch-ideal umflorten Szenerien scheint ihr Versprechen einlösen zu können. Und doch birgt jedes Bild eine subtile Ruhe und beinahe undurchdringliche Gelassenheit: "Über allen Wipfeln spürst Du kaum einen Hauch, die Vögelein schweigen im Walde". Sprachlosigkeit und Lethargie als Waffe gegen das überbordende Chaos der Gegenwart, gegen Globalisierungshysterie und Shoppingmallgekreische.
"Sunday, Monday", Gestern und Übermorgen ohne den Zuckerguss idealisierter Utopien kondensiert sich in den Arbeiten Anna Reinert aufs präziseste.
— Arne Linde
The works by Danzig painter Anna Reinert often radiate an unreal coolness. Whether deserted streets in post-Socialist cities or the virtual transfigurations of idyllic parklands – none of these utopian settings seem to redeem what they promise. And yet each individual picture possesses an understated serenity and almost impenetrable calm. "Above the treetops you feel almost no breath of wind, the birds are silent in the forest": Speechlessness and lethargy as weapons to combat the vigorous chaos of the present, globalisation hysteria and the shrieking of shopping malls. "Sunday, Monday," yesterday and the day after tomorrow are distilled meticulously in Anna Reinert's works, without the mawkish icing of utopian ideals.
Ausstellungstext ""Malarstwo", 29. April – 10. Juni 2006
Exhibition text "Malarstwo" 29. April – 10. June 2006
English version below
Keine Schlieren trüben die Scheiben, der Boden glänzt wie frisch gebohnert und selbst in den Ecken ist kein kleines bisschen Staub zu finden. Die Gebäude, Straßen und Interieurs, die Anna Reinert malt, sind befreit von jeder Spur von Verschleiß und Gebrauch. Ideale Fassaden, die Kulissen sein könnten für Filmaufnahmen, so perfekt sind sie, so optimal ausgeleuchtet und so prototypisch für unsere Vorstellung von bebautem Stadtraum.
Andererseits bewegen sich in jüngeren Arbeiten Menschen in diesen Räumen. Ebenso präzise gearbeitet wie die Kulissen, sind die Szenen, in denen Anna Reinert ihre Akteure bannt, berückend einfach, versonnen, fast beiläufig. Die Strenge der Komposition bricht sich an der Uneindeutigkeit ihres Verhaltens. Und auch in einer anderen Hinsicht lösen sich die perfekten Oberflächen auf, und lassen den Blick in die Falle laufen: Im Näherkommen und Abtasten der Szenerie zerfallen die Räume zu Flächen, Tiefe bricht um in flache grafische Formen und vermeintlich sicher unterscheidbare Materialien werden einander ähnlich und verwechselbar im Spiel von Lichtbrechung, Transluszenz und schattigem Dunkel.
Anna Reinerts Malerei fokussiert prototypische Situationen der zeitgenössischen Wirklichkeit. Momente des Innehaltens und Vorübergehens in einer nur scheinbar fest umbauten Welt. Je beiläufiger der Blick, desto verführerischer ist die Illusion – je mehr man sich nähert, desto deutlicher wird ihre Defragmentierung.
— Arne Linde
No smudges stain the window panes, the floor looks freshly polished and there is not a speck of dust, even in the corners. The buildings, streets and interiors that Anna Reinert paints are void of any trace of use or wear and tear. Ideal facades, so flawless they could be film sets, so perfectly illuminated and so prototypical for our image of built urban space. Then again, in the more recent works there are people moving around in these rooms. Painted in as much painstaking detail as the backdrops, the scenes in which Anna Reinert frames her protagonists are enchanting, simple, self-absorbed, almost incidental. The composition's austerity is broken by the ambiguity of the characters' behaviour. And in other respects, too, the perfect surfaces come apart, luring the gaze into the trap: upon getting closer and feeling one's way around the scenery, the spaces dissolve into surfaces, depths breaks up into graphic shapes, materials previously thought to be easily distinguishable become increasingly similar to each other, exchangeable in the play of the refracted light, of the translucence and shady darkness. Anna Reinert's paintings focus on prototypical situations taken from contemporary reality. Moments of pausing for thought, or of passing through in a world that is clearly outlined only in appearance. The more casually one looks, the more tempting is the illusion – the closer one gets, the more apparent is its defragmentation.
