FAMED



Ausstellungstext "OUT OF PLACE", 12. September – 10. Oktober 2009
In German language only

Die Künstlergruppe Famed greift in Ihrer aktuellen Arbeit Erzählungen auf, die mit dem Schicksal verschiedener Protagonisten verbunden sind und dabei Formen abstrakter und konkreter Gewalt bezeugen, die sich in jeder Zeit wie ein Sediment ablagert. Sie zielt auf die Frage nach dem Wirksamwerden des Einzelnen in einer bestimmten historischen Situation, der individuellen Geschichte, seinem Schicksal, aber auch seiner Hinterlassenschaft, dem Vermächtnis. Die künstlerischen Arbeiten - eine Bildreihe, eine textbasierte Installation und eine Videoinstallation - spannen den thematischen Rahmen auf und können als Versatzstücke durch das Publikum aufgegriffen und angeeignet werden. Durch ihren gebrochenen Aussagewert zeigen sie sich als ambivalente Gesprächspartner und bedürfen der ständigen Verhandlung und Befragung. So artikulieren die Bilder, Texte und Oberflächen die Skepsis am Entstehungszusammenhang ihrer selbst. Die Elemente der Ausstellung mit ihren verschiedenen gesellschaftlichen, historischen und medialen Kontexten werden zu einem installativen Gesamtnarrativ verbunden und bilden so die Grundlage einer Befragung und Neuerzählung. Insgesamt führt die Bearbeitung, Darstellung und Inszenierung der verschiedenen Materialien zu einer reflexiven und skeptischen Bild- und Materialästhetik. Sie verneint dabei jedoch nicht, dass Gebrochenheit, Mehrwertigkeit, ein spekulativer Wirklichkeitsanspruch und das Changieren zwischen Objekt, Bild und Zeichen eine weit reichende ästhetische Erfahrung ermöglichen kann.
— Arne Linde

Principle Hope
Famed
In German language only

Die ortsgebundenen Interventionen der Künstlergruppe Famed können als anti-architektonische Hybride aus Installation, Skulptur, Performance, Objekt und Video betrachtet werden, die beinahe theatralisch arrangiert sind. Die Künstler untersuchen den Aufbau und die Bedeutung institutioneller Räume. Ihre Arbeit durchdringt auf ironische Weise die Mechanismen von Kunstinstitutionen; vom selbstreflexiven Diskurs über den Zustand des Künstlers oder der Künstlerin, der Kritik an der Verbreitung überholter White-Cube-Paradigmen, der Wahrnehmung und Rezeption eines Kunstwerks bis hin zur Infragestellung des vorherrschenden Tauschsystems auf dem Kunstmarkt. Famed bearbeiten das übliche Vokabular institutionell gerahmter Kunst aus seinem Inneren heraus, problematisieren die heroischen Qualitäten der Kunstproduktion und fokussieren Momente der Fehlfunktion, Unfähigkeit und des Scheiterns, wobei ihre Praxis auf absurde Weise an Beckett erinnert. Ihre für die Manifattura Tabacchi entworfene Arbeit Spatial Reconfiguration ist eine ortsspezifische Analyse der Transformation eines Industriegebäudes in eine Dienstleistungsanlage. Die Künstler manipulieren die gegebene räumliche Logik, verweisen auf ein imaginäres „Dazwischen“ und schaffen eine „Sowohl-als-auch-Situation“, die auf den möglichen Verbindungen zwischen Räumlichkeiten basiert. Auf diese Weise hinterfragt die Arbeit von Famed, wie eine bestimmte architektonische Konfiguration neue Perspektiven und Diskurse anregen kann, besonders im Hinblick auf die inhärente Möglichkeit der eigenen Neutralisierung.
— Adam Budak

Reading back and forth
Famed
In German language only

Die Leipziger Künstlergruppe Famed befragt und verarbeitet in ihren Projekten immer wieder Positionen einer „zweiten Moderne“ nach 1945 im Hinblick auf ihre ästhetischen und gesellschaftlichen Gegenmodelle und versucht deren Formensprachen und Strategien für eine politische Konzeptkunst der Gegenwart fruchtbar zu machen. Dabei geht es gleichermaßen um mögliches utopisches Potenzial von Kunst, um uneingelöste Versprechen und Mythen wie um ständige Kritik der eigenen Mittel und Voraussetzungen, um daraus mögliche Handlungsoptionen in der Gegenwart zu erschließen. Ihr Untersuchungsgegenstand ist somit immer auch ihre eigene Rolle im Rahmen des Kunstbetriebes.
Für die Ausstellung „Reading Back And Forth“ aktualisieren Famed verschiedene Arbeiten der letzten Jahre, die sich in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlichen Strategien auf Funktionsweisen von Institutionen bezogen haben. „Untitled [Spatial Reconfiguration #6]“ erscheint zugleich als räumliche Intervention, als Installation und als Präsentationsraum für weitere Arbeiten: Zwei Wände teilen einen Ausstellungsraum in einer Form, dass die entstehenden Raumsegmente nur über die jeweils angrenzenden Räume zu begehen sind. Der Werkzusammenhang wird dadurch in die Erinnerungsmöglichkeit der Besucherinnen und Besucher verlegt, die diesen nur über die Rekonstruktion ihrer sequentiellen Zugriffe herzustellen vermögen.
In einem dieser Raumsegmente findet sich ein Hinweis auf einen ein weiteres Projekt, „Dead Letter Office“, das aus einem Nachforschungsauftrag fü ür verloren gegangene Postsendungen besteht. Bei dieser handelt es sich um einen frankierten Brief ohne Absender und Zustelladresse, der eine Handlungsanweisung, ein Performance-Skript, für den Beamten enthält, der im Zuge der Ausforschung des Adressaten das Kuvert öffnet: Wird das Skript, das einen Bezug zur Geschichte des steirischen herbst hat, jemals umgesetzt oder verschwindet es und die damit verbundene Arbeit in einem imaginären Archiv fehlgeleiteter Ideen?
Schließlich erzeugen sie mit „Wanderbühne“, einem Kreis aus einer Holzplatte, die wenige Zentimeter erhöht im Foyer des Stadtmuseums platziert wird, einen Eingriff in die Eröffnungsreden zur Ausstellung. Die leicht erhöhte Position der Sprechenden deutet auf deren Statusunterschied im Kunstfeld und bildet die Hierarchien nach, die darüber entscheiden, wer die Autorität besitzt, über Kunst nicht nur zu sprechen, sondern sie in ein Verhältnis zu anderer Kunst, Gesellschaft und Politik zu setzen. Famed führen mit dieser Verknüpfung verschiedener Projekte Bezüge und Hinweise auf die Geschichte des steirischen herbst mit der eigenen kritischen Geschichte künstlerischer Strategien zusammen, die immer auch mit der Frage nach einer möglichen Autonomie der Kunst verknüpft sind. In gewissem Sinn rekapitulieren sie den Prozess der Einladung zu einem derartigen Ausstellungsprojekt, das sich von künstlerischer Seite kritische Interventionen in die Geschichte und das Selbstverständnis einer Kulturinstitution erwartet, und stellen konsequenterweise ihre Projektvorschläge zur Disposition. Der Beitrag von Famed besteht also vor allem im Sondieren von Lesarten und Zugriffen, im Mobilisieren der Besucher und in einer spielerischen Verkehrung von Hierarchien und Öffentlichkeiten. Damit präsentieren sie aber immer auch die Widersprüche ihrer eigenen (künstlerischen) Existenz, die vor allem mit den Versuchen zusammenhängen, Perspektiven einer nach wie vor möglichen (politischen) Kritik zu entwerfen und in der eigenen Arbeit zuverhandeln.
— Reinhard Braun